Danke, lieber Herr Vasicek! – Einer unserer langjährigen Testhörer ist verstorben

05.10.2026

Danke, lieber Herr Vasicek! – Einer unserer langjährigen Testhörer ist verstorben

Gertrud Guano

Foto - Helmut Vasicek

Vorige Woche telefonierten wir noch mit ihm, heute erfahren wir, dass unser lieber, hochkompetenter und sehr kluger Hörer und Testhörer Herr Helmut Vasicek verstorben ist. Unser ebenso treuer Lesungsbesucher begrüßte uns zwar nicht mit „J´ adoube!“ (Ich rücke zurecht1), gleichwohl entsprachen seine Telephonanrufe inhaltlich diesem in jedem Fall! Er läutete immer bereits wenige Tage nach Erhalt eines Testhörbuches und oft gleich um 8h früh zwecks Fehlermeldung an. Er hörte alle Genres und freute sich über sehr gute Bücher, die er wie ein Kiebitz aufmerksam unter seine Fittiche nahm. Als Vater von fünf Töchtern sandten wir ihm oft Sachbücher zur Erziehung und bekamen immer eine fundierte Rückmeldung, ob sie der Praxis standhielten. Helmut Vasicek verfügte über sehr gute Englischkenntnisse, bereits als Schüler las er Klassiker wie David Copperfield im Original, später hörte er sehr gerne dramatische Hörspiele (z.B. Der alte Mann und das Meer) und andere Kultur- und Literatursendungen der BBC, in den 70ern las er Solschenizyn in Englisch, da er auf Deutsch noch nicht übersetzt war), er war ein höchst genauer Kritiker der Aussprache von englischen Begriffen, auch bezüglich anderer fremdsprachiger Termini kompetent und machte bei den Hörbüchern nicht nur eine englische Eröffnung, sondern oft eine französische Verteidigung oder eine schottische Partie. Gefiel ihm ein Buch einmal nicht, setzte er es nicht gleich schachmatt, sondern räumte ihm en passant doch eine Existenzberechtigung ein, die Kritik formulierte er oft im Understatement.

Seiner Liebe zu Sprache und Literatur sowie zu Genauigkeit frönte er während seiner 20jährigen Tätigkeit als Punktschriftpräger in der Blinden-Druckerei des BBI. Damals wurde auf Zinkblech-Platten geprägt und in der Tiegelpresse gedruckt. Als Stenotypist arbeitete er überdies an Streifenmaschinen mit Spule und Braille-Tastatur, entwickelte hier selbst seine eigenen, individuellen Kürzungen bzw. Schriftart und kam bis auf 150 Silben pro Minute (!). „Ich wäre noch schneller geworden, hätte man dann nicht ein anderes System eingeführt!“ lachte er einmal. Auch für die Hörbücherei tippte er oft Punktschrift auf der Braille-Schreibmaschine.

Privat hörte er gerne Ö1 („Holde Kunst“, dramatische Hörspiele, Literatursendungen, Klassik), er liebte Lyrik (Hesse, Goethe, Eichendorff) und besuchte oft die „Donnerskult“-Veranstaltungen im Blindenverband. Bei den Büchern bevorzugte er Biographien, Historisches, Religion & Philosophie, Literaturgeschichte, hingegen Krimis weniger. Er spielte leidenschaftlich Schach, bestritt Meisterschaften und war wohl auch ein sehr guter Spieler (darüber sprach er jedoch kaum, denn er war immer sehr bescheiden.) Überdies hatte er einen feinen Humor, er war immer in sich ruhend aber herzlich. Wir bedanken uns sehr für seine Mitarbeit, für seine weisen Kommentare und dass wir ihn kennenlernen durften!

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